Indiens Smart City Strategie.

von Bernhard Seyringer.

Smart Cities heißt auch in Indien die Devise der Stadtentwicklung. Landesweit sollen 100 Städte in hi-tech Cities umgebaut werden. Chandigarh, die architektonische Musterstadt von Le Corbusier, errichtet vom damaligen Premiermister Jawaharlal Nehru als Symbol für das neue, unabähngige Indien, soll eine der ersten sein.

Alles zum Thema „Urban Imagineering“ in XING 31

mit Beiträgen von Julya Rabinowich, Richard Senett, Neil Brenner, Chiara Lorenzo u.a.m. Hier XING 31 online oder Ausgabe per Email bestellen, oder ein XING 31 :: Info herunterladen.

Kühe und IT

Fünfundsechzig Jahre nachdem die Stadt vom Reissbrett in Beton und Stein übertragen wurde, macht man sich auf, um sie wieder neu zu erfinden. Chandigarh soll jetzt wieder, diesmal der Smart-City-Initiative des indischen Premierministers Narendra Modi folgend, Symbol für ein neues Indien werden, das in das hi-Tech Zeitalter aufbricht. Was heißt das für Chandigarh heute? Wie weit ist der Weg von einer Stadt, wo Kühe, Rikscha-Fahrer und SUVs das Verkehrsgeschehen ebenbürtig mitbestimmen, zu einer smarten City mit IT-gesteuerten Ampeln und „intelligentem“ Verkehrsfluss?
Modis Strategie sieht vor, dass für die Smart City Entwicklung in ausgewählte Städte 75 % des Bruttoinlandsproduktes der nächsten 15 Jahre fließen soll. Indiens Regierung hat dabei aber nicht nur die technologische Hochrüstung im Sinn. Finanzminister Arun Jaitley hofft, dass durch die Smart-City-Investitionen in Infrastruktur, die neben hi-Tech auch Bildung, Gesundheit und viele andere Bereiche der städtischen Versorgung betreffen, ausländische Investoren vermehrt angezogen werden. Für den Ausbau zur Smart City werden die Städte so umgestaltet, dass ununterbrochen Strom und fließendes Wasser zur Verfügung stehen sollen, eine Abfallbewirtschaftung und sanitäre Anlagen installiert werden, sowie Straßensanierungen. „Smart“ heißt in der indischen Vision aber selbstverständlich auch ein kräftiger Ausbau der Informations- und Kommunikationstechnologien und deren effiziente Nutzung in der Stadtverwaltung.
Chandigarh soll also Indiens erste Smart City werden, ausgerüstet mit einem Netzwerk an Sensoren, Kameras und IT-Infrastruktur. Chandigarh hat die beste Gesundheitsversorgung in der Region. Trotzdem fehlt es an Apotheken, Krankenhausbetten und Sozialeinrichtung. Auch an der Ausstattung der Bildungseinrichtungen mangelt es. In manchen Schulen müssen Kinder am Boden sitzen. Es fehlt an Lehrpersonal, Möblierung und auch Wasserversorgung bei den Toiletten zum Beispiel.
Für die Bewerberstädte wurden Parameter erstellt, an denen die Entwicklungsziele in den verschiedenen Bereichen festgelegt sind. Einer der Parameter legt die Wasserversorgung zukünftiger Smart Cities mit 24 Stunden an sieben Tagen die Woche mit 135 Liter pro Person fest. Darüber hinaus soll es auch ein flächendeckendes Abwassersystem geben. Die Wasserversorgung Chandigarhs ist zwar zeitlich begrenzt – Wasser fließt zwischen 13 bis 15 Stunden pro Tag Wasser, am Nachmittag gar nicht – dafür aber reichlich: 280 Liter pro Person. Chandigarh produziert täglich 379 Tonnen Müll. Etwa 100 Tonnen davon werden auf offenen Halden endgelagert. Die Müllabfuhr soll seit 2001 den häuslichen Abfall entsorgen, ging aber nie in Betrieb. Das letzte Mal wurde im Sektor 22 ein solches Projekt gestartet, das aber kurz nach dem Start wieder eingestellt wurde.
Smart Cities sind enorm wichtige Bausteine in Premierminister Modis Wirtschaftsplan für Indien. Seit Juni liegt ein erstes Konzeptpapier für Chandigarh vor. Ganz oben auf der Liste stehen intelligente Straßenbeleuchtung und Verkehrsampeln, sowie hi-tech Überwachungskameras in allen Verkehrsampeln. Die Planer wünschen sich auch Wi-Fi-Zonen in der Stadt und e-Governance, das Serviceleistungen für die Bevölkerung abwickelt. Derzeit läuft noch der Ideenfindungsprozess und die Wunschliste könnte lang werden.

Altes und Neues Chandigarh

In der Zwischenzeit könnte sich Le Corbusiers Chandigarh aber sowieso schon verflüchtigt haben. Die unschätzbaren architektonischen Meisterwerke der Moderne sind mittlerweile für ihren augenscheinlichen Verfall berühmt. Raues Himalaya-Klima, Monsun, und nicht zuletzt die Gleichgültigkeit der Behörden sind für den teils gespenstischen Zustand kunstgeschichtlicher Architektur-Juwelen verantwortlich. Ein nicht unbeträchtliches Sümmchen konnten findige Kunsthändler auch schon mit ahnungslosen Beamten verdienen, die Le Corbusiers „mobile Architektur“ billig verscherbelten. Von Stühlen bis Kanaldeckel tauchte bis 2011 alles mögliche aus Chandigarh am internationalen Kunstmarkt auf. Bis sich eine Gruppe um Le Corbusiers damaligen Assistenten, Manmohan Nath Sharma, zusammentat und bei den lokalen Behörden und der Britischen Botschaft auf den Ausverkauf Chandigarhs Erbe aufmerksam machte. Bisher widmeten die lokalen Behörden diesem Phänomen jedoch keine gesteigerte Aufmerksamkeit.
Trotzdem wissen die Bewohner Le Corbusiers Werk zu schätzen und nennen Chandigarh „City Beautiful“. Diese Bezeichnung käme Beaux-Art verwöhnten Touristen aus Europa kaum in den Sinn, und sogar Architektur-Interessierte können mit Chandigarhs Charme oft wenig anfangen. Ariane Stürmer schrieb etwa im Spiegel über Chandigarh: „[…] fürs Auge gibt es nichts. Denn mit der Schönheit der Architektur ist es nicht weit her … In seiner [Le Corbusiers, Anm.] Architekur stand das Praktische ganz weit über dem Schönen.“ „Fabian“, der den Blog chandigarh.de betreibt, bringt das enttäuschende Erlebnis, das Touristen machen müssen, wenn sie zu viele Lobeshymnen in Architekturführern gelesen haben, auf den Punkt: „Nur wer andere Städte in Indien besucht hat, den Moloch Delhi etwa, kann die Bezeichnung ´City Beautiful` nachvollziehen.“
Bis heute aber bilden die vor der Sonne geschützten öffentlichen Räume, die moderne Konstruktion der Gebäude und die materiellen, hygienischen und räumlichen Verhältnisse das urbane Ideal für viele Inder. Chandigarh – ein gebautes Missverständnis für Europäer? Wer die Moderne sucht, wird sie hier nicht finden, und auch wer das Indien von heute entdecken will ist in der bürgerlichen Beamten-Metropole eher nicht am rechten Ort. Aber vielleicht findet sich hier in nicht all zu ferner Zukunft das Indien von morgen. Le Corbusiers Chandigarh ist eine paradoxe Erfahrung, erklärt Andreas Vass, ein Mix aus architektonischer Vision, indischem City-Life und dem charakteristischen offenen Raum für alles Mögliche.

LITERATURverweise:

Das Essay von Andreas Vass ist nachzulesen im wunderbaren Bildband: „Chandigarh Redux.“ Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich, 2015;
Ariane Stürmer veröffentlichte ihre Architektur-Besprechung „Die perfekte Stadt“ am 3. Dez. 2008 im Spiegel; http://www.spiegel.de/einestages/architektur-a-948037.html
„Fabians“ Blog: http://chandigarh.de

This entry was posted in XING 31. Bookmark the permalink.

Comments are closed.